Predigt von Diakon Wolfgang Stock Dreifaltigkeitskirche am 16/10-2011
PREDIGTTEXT Rut 2,1 – 12; 4,11 –13 a
Die Moabiterin Rut sprach zu der Israelitin Naomi:
Las mich aufs Feld gehen und Ähren lesen bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde.
Und Naomi antwortete ihr: Geh hin, meine Tochter! Und sie ging hin und las auf, was die Schnitter liegen gelassen hatten auf dem Felde.
Das Feld gehörte Boas, einem Verwandten des verstorbenen Mannes von Naomi.
Und siehe, Boas kam aus Bethlehem und fragte die Schnitter: Zu wem gehört dieses Mädchen?
Der Knecht, der über die Schnitter gestellt war, antwortete: Es ist Ruth, eine Moabiterin, die mit Naomi gekommen ist aus dem Land der Moabiter. Sie hat gefragt auflesen zu dürfen hinter den Garben der Schnittern, und ist gekommen und dageblieben vom Morgen an bis jetzt.
Da sprach Boas zu Ruth: Höre wohl, meine Tochter; gehe nicht auf einen andern Acker gehen, um aufzulesen; halte dich zu meinen Mägden; wo sie schneiden geh ihnen nach. Ich habe meinen Knechten geboten, dass dich niemand antaste. Und wenn dich dürstet, so geh zu den Gefäßen und trinke, was meine Knechte schöpfen.
Da fiel Ruth beugte ihr Haupt und sprach: Womit hab ich Gnade gefunden dass du mir so freundlich bist, die ich doch eine Fremde bin? Boas antwortete ihr: Man hat mir angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. Der Herr vergelte dir deine Tat, und dein Lohn möge vollkommen sein beim Herrn, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, unter seinen Flügeln Zuflucht zu haben.
Und alles Volk, das im Tor war, samt den Ältesten sprach: Wir sind Zeugen.
Der Herr mache die Frau wie Rahel und Lea, und dein Name werde gepriesen zu Bethlehem.
Und Boas heiratete Ruth.Und als er zu ihr einging, gab ihr der Herr, dass sie schwanger ward, und sie gebar einen Sohn, dem sie den Namen Isai gaben.
PREDIGT
Eine wunderbare Erzählung, LIEBE GEMEINDE, aus dem Buch Ruth des Alten Testamentes, dessen Thematik in Deutschland und besonders auch in Kaufbeuren sehr aktuell ist!
Die in unserem Land entstandene kulturelle und religiöse Vielfalt, hervorgerufen durch Einwanderung, erzeugt oft noch mehr Ängste als den Mut, sich auf Neues einzulassen; auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft ist es die Angst vor Überfremdung, auf Seiten der Minderheiten ist es die Angst vor Identitätsverlust durch Anpassung.
Oft werden diese Ängste politisch instrumentalisiert von Parteien, die daraus Kapital schlagen.Zugewanderte leiden darunter und erleben Vorurteile – meist durch Menschen, die den Kontakt mit ihnen scheuen oder kaum Gelegenheit haben, andere Kulturen kennen zu lernen.
Nachdem jahrzehntelang bestritten wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und des-halb lange kein Anlass gesehen wurde, politische Konsequenzen daraus zu ziehen, gibt es seit einigen Jahren eine anhaltende Integrationsdebatte mit der Tendenz zu Pauschalbildern.
Vor diesem Hintergrund hat es ein konstruktiver, von Respekt und Gleichberechtigung bestimm-ter Dialog zwischen kulturell + religiös anders geprägten Einwanderern und der einheimischen Mehrheitsgesellschaft schwer.
Nach neuesten Zahlen aus dem Kaufbeurer Rathaus leben unter uns exakt 11.880 Zugewanderte aus 92 Ländern dieser Welt – das sind 27% der Einwohner unserer Stadt!
Durch die intensive Aussiedler- und Asylarbeit, eingebunden im sogenannten Kaufbeurer Netz-werk – einer Kooperation verschiedener hier ansässiger Institutionen und Organisationen mit zahl-reichen gut laufenden Projekten, hat sich in Kaufbeuren eine Haltung entwickelt, die eine beson-dere Sensibilität und Aufmerksamkeit für die Menschen schuf, die – aus welchen Gründen auch immer – zu uns kamen.
Diese Kommunikation benötigt weiterhin die Bereitschaft, erfahren zu wollen, was die Neubürger bewegt. Ihnen Respekt und Teilhabe entgegenzubringen, ist mehr als die materielle Befriedigung von Lebensbedürfnissen. Es ist die Achtung voreinander, Chancengleichheit und rechtliche Gleichstellung.
Wer heimatlos geworden ist, ist im Exil und hat kaum Anteil am Leben der Gemeinschaft.Er ist kein Teil davon. Beheimatung, neue Heimat finden, ist ein Prozess und bedarf wechselsei-tiger Bemühungen: derer, die zu uns kommen und derer, unter denen sie leben, also uns.
Die biblische Geschichte im Buch Rut, das sich lohnt, insgesamt gelesen zu werden, ist eine solche Integrationsgeschichte, die vom Gelingen einer Begegnung gegenseitigen Fremdseins erzählt.
Es ist die Geschichte einer Familie, die die Not zu Flüchtlingen gemacht hat, die aber in dieser Not ein neues Leben anfängt – nicht nur in der Fremde, sondern in der Begegnung mit der Fremde.
Nach dieser Erzählung unterbricht erst der Tod von Naomis Mann und ihrer beiden Söhne die gelungene Begegnung vormals einander Fremder. Zurück bleiben die jüdische Schwiegermutter Naomi und die moabitische Schwiegertochter Ruth. Die Geschichte könnte hier zu Ende sein,
weil die alte Naomi aus Bethlehem im Ausland, in Moab – dem heutigen Jordanien, allein und auf sich gestellt nicht weiterleben kann und darum in ihre Heimat zurückgehen will.
Aber sie ist nicht zu Ende, weil ihre moabitische Schwiegertochter Ruth, in der Begegnung mit der Familie Naomis eine unverlierbare Erfahrung gemacht hat, die sie mit dem Satz zum Aus-druck bringt: „Dein Volk ist auch mein Volk“, was sie veranlasst, ihre Heimat zu verlassen und mit Naomi nach Bethlehem zu gehen. Sie geht den ungewissen Weg an der Seite der alten Frau, weil sie keine Angst mehr vor der Fremde und ihrem eigenen Fremdsein hat.
So kann es zu einer Begegnung kommen, die ihr selbst – und durch sie auch denen, für die sie eine Fremde ist, zum Segen wird, wie es dann auch bald der Fall sein wird. Boas, der Judäer und Ruth, der Moabiterin, führt das leben zusammen. Es ist eine Begegnung zweier Menschen, die zunächst einander fremd sind. Ruth hält sich offen für all das Neue, das ihr begegnet.
Aber auch der Einheimische Boas ist in der Begegnung bereit, Grenzen zu überwinden – nämlich die, die ihm nach dem Gesetz des Mose vorschreibt, den Kontakt zu Fremdreligiösen zu meiden. Im Konflikt zwischen diesem religiösen Gesetz, und dem göttlichen Gebot, das den Schutz des Flüchtlings gebietet, entscheidet er sich für das Schutzgebot Gottes.
Ruth ist in dieser Begegnung noch nicht wirklich gleichberechtigt, aber ihre Würde wird ihr nicht genommen. Sie empfängt ein Almosen, wird auf- und angenommen, ohne gedemütigt zu werden. Nicht anders handeln beispielsweise die Ehrenamtlichen des Asylkreises der Dreifaltigkeitskirche und die MarbeiterInnen in der Aussiedlerseelsorge. Doch ihr Handeln stößt langst nicht überall auf Wohlwollen. Ganz zu schweigen von der Wirklichkeit in Deutschland insgesamt.
Migranten, erst recht Flüchtlinge, sind mehr als zuvor nicht willkommen. Sie sind weit davon entfernt Erfahrungen zu machen, wie Ruth und Boas sie machten. Dabei geht es erst einmal um nicht mehr als um Freundlichkeit. So jedenfalls bringt Ruth das zum Ausdruck: „Womit habe ich Gnade gefunden, dass du mir freundlich bist, die ich eine Fremde bin?“
Freundlichkeit ersetzt kein Integrationskonzept, aber es ist ein guter Anfang.Zwischen Ruth und Boas entwickelt sich schließlich eine Liebesgeschichte, die Hollywood-Format hat! Doch das ist gar nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass am Ende der Ge-schichte ein Rechtsakt steht, der die Moabiterin den Einheimischen gleichstellt.
Boas löst sie aus ihrem minderen Rechtsstatus: Und alles Volk, das im Tor war, heißt es, samt den Ältesten sprach: „Wir sind Zeugen. Der Herr mache die Frau wie Rahel und Lea, die das Haus Israel gebaut haben“. Was hier geschieht ist kein privater Vorgang mehr, der nur zwei Menschen betrifft. Das Tor war die Stätte, an der in aller Öffentlichkeit Recht gesprochen wurde.
Wenn Integration gelingen soll, sind alle gleichermaßen gefordert!
Da kann es keine Ohne-mich-Haltung geben, da darf nicht weggeschaut werden!
Das Volk wird Zeuge, dass Ruth in die israelitische Gemeinschaft aufgenommen ist, und wie einst Rahel + Lea, die Frauen Jakobs, zur Stammmutter Israels wird; denn wir erfahren weiter: „Und Boas heiratet Ruth“. Und als er zu ihr einging, gab ihr der Herr, dass sie schwanger ward, und sie gebar einen Sohn dem sie den Namen Isai gaben.
Er ist übrigens die Wurzel Jesse, LIEBE GEMEINDE, die wir bald, an Weihnachten, wieder besingen, der Großvater König Davids, Urahne des Schreiners Josef, des Verlobten der Maria. Mit der Ausländerin, mit der Moabiterin Ruth, findet die Heilsgeschichte Gottes ihre Fortsetzung; so wie vorher mit der als Hure verkleideten Tamar, so wie mit der unfruchtbaren Rahel, so wie mit Davids Mätresse Batseba und all den anderen Frauen, die nach menschlichem Ermessen allesamt für eine „ordentliche“ Ahnentafel ungeeignet erscheinen. Das Buch Ruth ist eine Geschichte die deutlich macht: Die Bibel ist voll prallen, undogmatischen Lebens!
Steht bei Mose, dass die Israeliten sich nicht mit den Nachbarvölkern vermischen sollen, berichtet das Buch Rut, dass die Wurzel Jesse sich entwickelte durch Verstoß gegen diese Norm.
Grenzen verlieren ihre Bedeutung, wenn Menschen sich in erster Linie als Menschen geben. Alles andere wird dann zweitrangig. Wo Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Ehrlichkeit ins Leben geholt werden, zeugt das von einer Haltung, von einer Zuwendung, die die Liebe lebendig werden lässt.
Ruth bekommt nicht nur gesellschaftlichen Anteil, sie wird selbst zur Heilsbringerin des Alten und des Neuen Gottesvolkes! Diese Geschichte ist eine Ermutigung zur Begegnung in und mit der Fremdheit; sie ist Integration auf Augenhöhe!
Fremdes muss unsere Identität nicht bedrohen, ganz im Gegenteil!
Sie schafft Vergewisserung der eigenen Wurzeln und bereichert somit unser eigenes Leben!
Treue hinterlässt Spuren, LIEBE GEMEINDE, allzumal Gottes Treue! Der wird im Buch Ruth übrigens kein einziges Mal genannt, doch ist er Autor und Regisseur des Geschehens!
Ruts Treue führt zur Versorgung der älteren Naomi, zum persönlichen Glück mit Boas und letztlich zu Jesus! Durch eine scheinbar unbedeutende Familiengeschichte zieht sich der „Rote Faden“ des Heilsplanes Gottes. – Was das alles mit uns zu tun hat?
Als Schwestern und Brüder des Herrn Jesus Christus gehören wir zu den Heilsadressaten! Und als solch Empfangende dürfen wir Schenkende sein; Schenkende gegenüber denen, die unseres Beistands bedürfen. Weil das durch die Jahrhunderte hindurch zur Nachfolge Christe gehörte, gibt es neben menschlicher Blind- und Taubheit, neben Treuelosigkeit und erkalteter Liebe immer auch die Lichtspur derer, die ernst nehmen, was Jesus Christus im 25. Kapitel des Matthäusevangeliums sagt:„Ich war ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“.
Das Buch Ruth ist eine Geschichte, die uns Mut machen will, diesen Weg selbst zu gehen.
Wir werden dabei erstaunliche Erfahrungen dabei machen!
Gott hat mehr mit uns vor, als wir und träumen lassen.
Nur bewegen müssen wir uns.
In Jesu Namen.
Amen.
Ach bleib mit deiner Treue
bei uns, Herr Jesu Christ;
Beständigkeit verleihe,
hilf uns aus aller Not.
Ach bleib mit deinem Segen
bei uns, du reicher Herr;
Dein Gnad und alls Vermögen
in uns reichlich vermehr.
LIED Nr. 657, 1-3, 6 „Damit aus Fremden Freunde werden“
Predigt von Diakon Wolfgang Stock
П р и б ы л и П р и н я т ы
Um das kulturelle und soziale Zusammenleben zu fördern, muss Annäherung und gegenseitige Anerkennung als Lernprozess verstanden werden, damit sich Einsicht und Kooperationsfähigkeit entwickeln können.
Поддержка двустореннего одобрения и сближения, неза-висимо от культурных различий, рассматривается как путь к развитию признания и совместного сотрудничества.
М о с т м е ж д у д в у м я к у л ь т у р а м и – B r ü c k e z w i s c h e n d e n K u l t u r e n
Aufeinander zugehen Идти навстеречу друг другу
Miteinander reden Говорить друг с другом
Einander verstehen Понимать друг друга
Einander helfen Помогать друг другу
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