Suchet der Stadt Bestes
Dialog und Aktivitäten
der lokalen Religionsgemeinden
in Kaufbeuren 2011/2012
Zum Ausdruck der Broschüre bitte hier klicken:
Vertrauen wagen, Vertrauen schaffen
Das Bild der Religionen in der Öffentlichkeit ist davon bestimmt, dass sie eher als Konfliktverursacher denn als Konfliktlöser wahrgenommen wer-den. Schlagworte etwa bringen den Islam mit Terrorismus in Verbindung. Umgekehrt wird in islamisch geprägten Ländern das Christentum häufig mit einem „dekadenten Westen“ identifiziert.
Aber auch bei anderen Religionen werden radikale Erscheinungen auf die Religion als ganze übertragen („militanter Hinduismus“ in Indien, nationalfanatischer Buddhismus in Sri Lanka).
Da religiöse Motive in vielen Konflikten weltweit eine Rolle spielen, gibt es die Tendenz zu Pauschalbildern. Initiativen der Religionen zur Vermeidung und Beilegung von Konflikten, zur Überwindung von Spannungen und zur Versöhnung werden zu wenig wahrgenommen. Dabei wurden alle großen Friedensbewegungen im 20. Jahrhundert von religiös-spirituell geprägten Menschen wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Schalom Ben-Chorin inspiriert.
Respekt vor dem Anderen, aus welcher Kultur oder Religion jemand auch kommt, ist immer noch keine Selbstverständlichkeit. Zugewanderte leiden unter Fremdenfeindlichkeit und erleben Vorurteile aufgrund ihrer Herkunft durch Menschen, die sich scheuen oder kaum Gelegenheit haben, andere Kulturen kennen zu lernen.
Die in unserem Land entstandene kulturelle und religiöse Pluralität, wesentlich hervorgerufen durch Migrationen, erzeugt eher Ängste als den Mut, sich auf Neues einzulassen: auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft die Angst vor Überfremdung, bei den Minderheiten die Angst vor Identitätsverlust durch Anpassung an Lebensstil und Wertevorstellungen der Mehrheit. Gern werden diese Ängste politisch instrumentalisiert von Parteien, die daraus Kapital schlagen.
Darum brauchen wir eine Sprachkultur, die im Blick auf die Empfindungen und Werte der anderen von Aufrichtigkeit und Sensibilität geprägt ist; die die Strategien zur Abwertung anderer aufdeckt und extremistische Organisationen und ihre Agitation entlarvt. Diese Kommunikation benötigt die Bereitschaft, erfahren zu wollen, was den anderen bewegt.
Die Aussiedlerarbeit des Evang.-Luth. Seelsorgezentrums Kaufbeuren organisiert seit Jahren Zusammenkünfte mit Vertreter/innen der ansässigen Religionsgemeinschaften. Sich gegenseitig besser kennen lernen, gemeinsam für das friedliche Zusammenleben der Kulturen und Religionen vor Ort eintreten, um den ganz normalen Alltag für alle angenehmer zu gestalten, sind Ziele dieser Begegnungen.
In Kaufbeuren gibt es Zukunftsaufgaben, die ein gemeinsames Handeln erfordern: in der Bewahrung der Lebensgrundlagen, im Überwindung von Gewalt, im Einsatz für Gerechtigkeit und Solidarität.
Drei Weltreligionen darunter zwei islamische Moscheevereine, ein buddhistisches Zentrum und vier christliche Konfessionen stellen sich diesen Herausforderungen in unserer Stadt:
Türkisch-Islamischer Verein (DITIB)
Isalmischer Kulturverein (VIKZ)
Diamantweg-Buddhismus der Karma Kaküy Linie
Römisch-Katholische Kirche
Alt-Katholische Kirche
Griechisch-Orthodoxe Kirche
Evangelisch-Lutherische Kirche
Wolfgang Stock, Diakon
Ev.-Luth. Seelsorgezentrum Kaufbeuren,
Ludwigstr. 24
Tel. 98341-9557443
Suchet der Stadt Bestes
Unter diesem Projekttitel (Jeremia 29,10) sprechen derzeit die langjährigen Mitarbeiterinnen in der Aussiedlerarbeit Alexandra Beck und Helena Hermann mit Jugendlichen ab 14 Jahren in Neugablonz. Hier wohnen sehr viele Menschen, die aus den verschiedensten Teilen der Welt zugewandert sind. Ihre kulturelle und religiöse Prägung darf kein Hinderungsgrund sein, sich besser kennen zu lernen und Respekt voreinander zu haben.
Im Focus stehen die unterschiedlichen Wertevorstellungen Jugendlicher mit und ohne Migrationshintergrund und die damit verbundenen Problemlagen: Umgang, Einstellung, Verlässlichkeit, fehlende Perspektiven, Kommunikationsdefizite, Interessens- und Motivationslosigkeit, kulturelle Muster, die besonders bei Mädchen das Formulieren eigener Bedürfnisse verhindern). Die Jugendlichen werden für den eigenen Lebensstil sensibilisiert, ihre Fähigkeiten und Kompetenzen erlebbar gemacht. Interkulturelles Lernen fördert Akzeptanz und Toleranz und verhindert Attacken gegen Andersdenkende und Andersglaubende.
Die Umsetzung erfolgt über Begegnung und gegenseitigem Austausch. Die persönliche Geschichte/Herkunft der ProjektteilnehmerInnen wird unter der Fragestellung thematisiert:
- Wo und was ist Heimat?
- Welche Zukunftschancen habe ich in dem Land, in dem ich lebe?
- Erlebe ich Bevormundung, Ausgrenzung oder Fremdenfeindlichkeit?
- Wie verstehe ich Integration?
- Welche Rolle spielt für mich meine Religionszugehörigkeit?
Gemeinsam organisierte Veranstaltungen (Musik- u. Filmabende, Diskussionsrun-den, Exkursionen, Bildungsfahrten) vermitteln notwendiges Wissen zur Selbstpositionierung und befähigen zu gemeinsamem Engagement.
Die Herausgabe einer Broschüre mit dem Titel "Suchet der Stadt Bestes", die einen Überblick über den Dialog und die Aktivitäten der lokalen Religionsgemeinschaften (Muslime, Buddhisten, Christen) in Kaufbeuren gibt, fasst die gemachten Erfahrungen zusammen.
Wolfgang Stock
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